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Autorenforum: Ein großer Sohn Luxors - der Erzähler Jachja Taher Abdallah

von Hans Mauritz (Juli 2014)

illustriert von Claudia Ali

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Jachjas Geburtshaus in Karnak, (c) Hans Mauritz
Jachjas Geburtshaus in Karnak

Jachja Taher Abdallah (auch: Yahya Taher Abdullah und Yahya Al-Tahir Abd Allah) يحيى الطاهر عبد الله wurde 1938 in Karnak bei Luxor geboren, einem Dorf, das wegen seines pharaonischen Tempels auf der ganzen Welt berühmt ist. Er entstammte einer Familie, die nicht wohlhabend war, aber im Dorf großes Ansehen genoss. Jachjas Großvater Abdallah war so geachtet, dass ein ganzes Viertel nach ihm benannt wurde. Von diesem Prestige zeugen noch heute der große „diwân“, die Halle, in welcher sich die Familie zu Hochzeiten und Trauerfeierlichkeiten trifft, und die ihr angeschlossene Abdallah-Moschee. Jachjas Geburtshaus war die alte Dorfschule, in der sein Vater, Scheich al-Taher, als Lehrer tätig war. Die Männer der Familie waren meist Bauern, einige arbeiteten im Tourismus-Gewerbe. Das Kind verlor sehr früh seine Mutter und litt unter der Härte und Lieblosigkeit seiner Tante, die zu seiner Stiefmutter geworden war. Seine Leidenschaft, die Lektüre, konnte er ausleben, weil sein Onkel eine große Bibliothek besaß. (1)

Jachjas Bruder Gamal vor der Abdallah-Moschee in Karnak, (c) Hans Mauritz
Jachjas Bruder Gamal vor der Abdallah-Moschee

Jachja besucht nach der Dorfschule die Landwirtschaftsschule im Provinzhauptort Qena. In dieser Stadt lässt er sich 1959 nieder, weil er die Enge des Dorflebens nicht erträgt und weil sich das Verhältnis zu seinem Vater verschlechtert hat. Dort lernt er zwei junge Literaten kennen, die ebenfalls aus der Provinz Qena stammten und später zu den bekanntesten Dichtern Ägyptens gehören sollten: Abdelrahmân al-Abnûdi und Amal Dunqul. Jachja selbst schreibt erst 1961 seine erste Erzählung, aber er begleitet die Arbeit seiner Freunde mit kritischer Aufmerksamkeit. Was die drei verband, war die Hoffnung auf soziale und politische Veränderungen und die Rebellion gegen die Enge und Starre des von der Tradition geprägten dörflichen Lebens, das dem einzelnen kaum Entfaltung bot. 1964 folgt er seinen Freunden nach Kairo. Al-Abnûdi und er leben im Arbeiterviertel von Bûlâq al-Dakrûr, dem Viertel, in dem die meisten der Zuwanderer leben. Später teilt sich Jachja ein Zimmer mit einem Schuhputzer. Schriftsteller wie Jûsuf Idrîs und Edwar al-Kharrât werden aufmerksam auf den jungen Mann, der in den literarischen Zirkeln verkehrt, die für die Kulturszene Kairos in den 60er und 70er Jahren so charakteristisch waren. Dort macht ihn seine erstaunliche Fähigkeit, Geschichten vorzutragen, ohne einen geschriebenen Text zu benutzen, rasch berühmt.

Jachja will die Kluft zwischen dem literarischen Geschichtenschreiber und dem volkstümlichen Erzähler überwinden. „All seine Geschichten sind Teile seiner Geschichte und Erzählungen im wortwörtlichen Sinn.“ (2) Das Erzählen hat Vorrang vor dem Schreiben. „Ich muss sprechen und nicht schreiben, denn die Menschen meiner Gemeinschaft lesen nicht (…) Ich glaube nicht, dass die Kommunikation mit den Gebildeten für mich wichtig ist. Als ich mich fragte, für wen ich eigentlich schreibe, fand ich heraus, dass die Menschen, über die ich schreibe, meine Werke nicht lesen. (…) die Geschichten, die ich niederschreibe, habe ich vorher hunderttausend Mal hunderttausend Personen erzählt“ (3). Jachjas Sprache folgt dem Rhythmus der Umgangssprache und meidet die Kunststücke der arabischen Rhetorik. Streng konstruierte Erzählstränge sind ihm fremd. Wichtige Ereignisse, die ein Romancier breit ausmalen würde, werden übersprungen und nur nebenbei erwähnt. Vieles wirkt improvisiert, wie mit dem Pinsel hingetuscht. Wenn er eine seiner düstersten Geschichten „Malerei aus Wasser, Staub und Sonne“ (4) nennt, bezieht sich dies weniger auf den Inhalt als auf Form und Stil. Auch bei anderen Geschichten versteckt sich hinter dem poetischen Titel („Der Berg des grünen Tees“, „Worte, dem Meer erzählt“, „Vom dunklen Blau“) finsterste Wirklichkeit. Viele Erzählungen sind unterteilt in zahlreiche kleine Kapitel, die eigene Überschriften tragen. Andere sind gespickt mit Fußnoten, als seien es wissenschaftliche Arbeiten. Formale Überlegungen sind zweitrangig: „Die Form ist ein fügsamer Diener, der ganz am Ende kommt.“ (5) Jachja schreckt selbst vor Ungereimtheiten nicht zurück. „In einer Geschichte werden Sie etwas Inkonsequentes finden“, sagt er zu seinem Übersetzer. „Was können wir dagegen tun?“ „Gar nichts, ich mag es so.“(6) In einer Zeit, in der die ägyptische Literatur der realistischen Erzähltradition verhaftet war, fällt Jachja Taher aus dem Rahmen, weil er fantasievoll, frech und ungeniert erzählt: „Warum willst du mir verbieten, ein Künstler zu sein … in dem, was ich schreibe, und in meinem Leben? (…) das Schreiben ist für mich ein Genuss so wie das Essen (…) Ich bin jung, ein junger Schriftsteller.“ (7)

Jachja Taher Abdallah hat nie eine Fremdsprache gelernt, ist literarischer Autodidakt, unbeeinflusst vom Vorbild westlicher Literatur, aber er schöpft aus dem Erbe der Legenden und Märchen, der Volksepen, der Lieder der Sufis und der Geschichten aus 1001 Nacht. Er hat nie einen Brotberuf ausgeübt, stets von der Hand in den Mund gelebt und ist immer Außenseiter und Exzentriker geblieben. Im Jahre 1975 heiratet er die Schwester eines befreundeten Literaturkritikers. Bei der Hochzeitsfeier, an der von Jachjas Seite kein einziger Verwandter teilnimmt, tragen Braut und Bräutigam Alltagskleider. Der Bräutigam erscheint verspätet bei der Zeremonie, in Begleitung eines jungen Hirten, den er kurz zuvor kennengelernt und zum Fest eingeladen hat, weil diesen großer Hunger plagte. Noch heute benutzen Familienangehörige und Weggefährten das Adjektiv „gharîb“ غريب „seltsam, merkwürdig, extravagant, grotesk“, wenn sie von ihm erzählen (8), und sein Übersetzer nennt ihn „einen der seltsameren Charaktere der literarischen Welt“. Als dieser Übersetzer sich um einen staatlichen Zuschuss bemüht, fragt ihn der stellvertretende Kulturminister, „warum er seine Zeit damit vergeude, die Werke eines solchen Vagabunden zu übersetzen“ (9). Wie die meisten Schriftsteller seiner Generation hatte sich Jachja für Abdel Nassers sozial-revolutionäre Ideen begeistert, war dann tief enttäuscht worden, hatte Repression und Verfolgung erlebt, war zusammen mit anderen Literaten wegen angeblich oppositioneller Aktivitäten festgenommen worden und hatte ein paar Monate, von Herbst 1966 bis Frühling 1967, im Gefängnis verbracht. Die von Anwar al-Sadat initiierte Politik der „wirtschaftlichen Öffnung“ und die dadurch ausgelöste Gier nach Reichtum und Macht um jeden Preis haben später aus ihm noch mehr einen „Exilierten“ und Marginalisierten gemacht.

Jachja Taher AbdallahIm April 1981 begleitet Jachja eine englische Ethnologin auf einer Reise zu den Oasen der Westlichen Wüste, wo sie mündlich überlieferte Volkserzählungen sammeln wollte. Etwa 20 km außerhalb von Kairo platzt ein Reifen und die Engländerin verliert die Herrschaft über das Auto, welches die Böschung hinabstürzt. Jachja, der sich in Panik vom Beifahrersitz hinunterwirft, wird vom Auto überrollt. So tragisch und absurd dieser frühe Tod auch ist, so sehr passt er zu einem Autor, den sich wohl kein Leser anders denn als jungen Mann vorstellen kann: Er lebt fort als der ewig junge Rebell, Erzähler und Improvisator von Geschichten, die düsterste Realität mit Fantasie, Frechheit und Galgenhumor mischen. Yûsuf Idrîs porträtiert ihn so: „Dieser schlanke, braungebrannte junge Mann aus Oberägypten, der auf Kairo und auf alles zornig ist“, und al-Harrât sagt nach Jachjas Tod: „Er war ein Bohémien und kultivierter Anarchist in Benehmen und Verhalten. Er war ein Vorbild für jene Künstler und Schriftsteller, die private Anstandsregeln und gesellschaftliche Konventionen nicht akzeptierten.“ (10)

Sein Werk, für das ihm nur zwanzig Jahre Zeit gelassen wurden, umfasst fünf Sammlungen, die insgesamt 68 Geschichten enthalten, vier längere Erzählungen (manchmal fälschlicherweise als „Kurzromane“ bezeichnet) und drei Theaterstücke. Diese Werke sind zwischen 1970 und 1983 erschienen. In den ersten Sammlungen steht die Welt des Dorfes im Mittelpunkt, in den späteren die Metropole Kairo. Jachja Taher Abdallahs Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt (11). Wer seine Familie in Karnak besucht, ist jedoch überrascht zu sehen, dass sie über kein einziges Exemplar seiner Bücher verfügt und dass sich weder an seinem Geburtshaus noch an seinem Grab eine Gedenktafel befindet (12).

Jachjas Grab in Karnak, (c) Hans Mauritz
Jachjas Grab

 

„Armbänder und Halsreif“ الطوق واللأسورة

Jachja Taher Abdallah: Menschen am Nil - darin: Armbänder und HalsreifSeine berühmteste Erzählung (1975) kennt man auch in seiner Heimat, wo wenig gelesen wird, weil der Regisseur Khairy Beshara daraus 1986 einen Film gemacht hat (13), der zu einem Klassiker geworden ist. Die Geschichte spielt unter einfachen Leuten in Jachjas Heimatdorf. Die Handlung zieht sich über mehrere Jahrzehnte hin, von den 30er bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die große Geschichte wirft ihren Schatten in die Welt des Dorfes hinein, weil Mustafa noch fast als Kind mit Tagelöhnern in den Sudan und später nach Palästina gezogen ist, um in den Mandatsgebieten der Engländer zu arbeiten. Während Mustafa in der Ferne weilt, verläuft das Leben seiner Eltern und seiner Schwester in engen, von Armut und Schicksal vorgezeichneten Bahnen: Krankheit und Tod, Heirat und Scheidung, Betrug und Habgier, Resignation und Auflehnung, Verbrechen und Wahnsinn.

Mehr als von politischen und gesellschaftlichen Faktoren wird dieses Leben bestimmt von Tradition, Religion und Aberglauben. Im Denken der Mutter Hasina spielen Tabus eine große Rolle. Schuhe, die umgedreht herumliegen, Knoblauchschalen auf dem Boden, eine Brotrinde, auf die man tritt, ein zerbrochener Krug – all dies ist böses Omen. Eine Zigeunerin sagt die Zukunft voraus, ein Scheich kann über den Nil spazieren oder sich auf wundersame Weise zum täglichen Gebet nach Mekka begeben. Die Welt ist voll von irrationalen und magischen Kräften. Wer im Kanal schwimmt, riskiert, von einer Wassernixe in die Tiefe gezogen zu werden. Wenn jemand im Sterben liegt, spürt man den Schatten des Todesengels und den Staub, den seine Flügel aufwirbeln, wenn er die Seele des Toten davonträgt. Der böse Blick neidischer Menschen ist allgegenwärtig. Ist jemand neidisch auf das Glück von Brautleuten, kann er die Manneskraft des Bräutigams „binden“, so dass dieser die Ehe nicht vollziehen kann. Mächtige „Djinnenmädchen“ verursachen eine solche Impotenz, aber ein Scheich von der Westbank kann sie heilen, vorausgesetzt dass man sich peinlich genau an seine Vorschriften hält.

Noch mehr als die Welt des Übersinnlichen bestimmt die traditionelle Moral das Leben. Mustafas Vater leidet unter seiner schlimmen Krankheit, aber noch mehr unter der Schande, nicht mehr Herr im Haus zu sein. „Hier bei uns muss der Mann stark sein (…) Ich bin der Krüppel im Haus.“ Der Schmied, der Mustafas Schwester geheiratet hat, ist besessen von der Angst, dass seine Impotenz bekannt wird. Deshalb verstößt er die junge Frau, um ihr die Schuld an der Unfruchtbarkeit zuzuschieben. Als aber auch seine neue Gattin nicht schwanger wird, bleibt ihm als Ausweg nichts als blinde Zerstörung und Wahnsinnstat: Er lässt sich und die Braut mit Haus und Hof in Flammen aufgehen. Sein Neffe Saadi, dem die Heirat mit seiner Cousine Nabawija versagt wird, flieht in geistiger Umnachtung aus der Gemeinschaft: „Ich werde mich weit weg von den anderen Menschen einrichten - sagte er sich - dort beim verlassenen Wasserrad. Bart und Haare werde ich wachsen lassen und bei Alkohol und Drogen Trost suchen. Das wilde Tier wird ausbrechen, wird Türen zertrümmern, Mauern überspringen und sich das verschaffen, was die Schreie in seinem Bauch zum Schweigen bringt. (…) Ich werde meine Geliebte entführen und mit ihr weggehen, und bei den wilden Tieren werden wir bis ans Ende unserer Tage zusammenleben.“ Wer dem Druck der Tradition nicht standhält, geht seelisch zugrunde.

Zur Entführung kommt es nicht, weil Nabawija sich dem Nachbarsjungen hingibt und schwanger wird. Dieser Tabubruch wird mit doppelter Wahnsinnstat bestraft. Ihr Onkel Mustafa, an dessen Bindung an die traditionellen Werte auch die langen im Ausland verbrachten Jahre nichts geändert haben, begräbt das Mädchen bei lebendigem Leib, um es zu zwingen, den Namen des Übeltäters preiszugeben. * Da taucht Saadi auf, völlig außer Sinnen: „Aus den Falten seines zerrissenen Gewandes zog er die Sichel mit der scharfzähnigen Schneide. Er fasste das verklebte und zerzauste schwarze Haar, wie man ein Büschel Klee fasst, und schnitt den stolzen Hals durch (…) Saadi nahm den Kopf mit Augen, die noch lebendig glänzten, und heulte auf (…) Plötzlich erschien der Teufel mit seinem verdreckten zotteligem Bart und seinen wirren Haaren. Saadi spuckte Mustafa ins Gesicht, und in den mit Gläsern, Tassen und schmutzigem Wasser gefüllten Eimer warf er den Kopf der Schönen.“

Film "The Collar and the Bracelet"
Filmszene

Diese archaische Welt ist von der Moderne wenig berührt. Daran, so scheint es, ändern selbst die Touristen nichts, „die aus den Ländern des Nebels, des Regens und des weißen Schnees kamen, um sich die Altertümer anzusehen, in Pferdekutschen herumzufahren, (…) sich von Dampfschiffen vom Ostufer zum Westufer übersetzen zu lassen und die Hotels zu bevölkern.“ Die Männer des Dorfes arbeiten in Luxor als Barmann, als Kellner und Küchenjunge, aber das Leben im Dorf folgt überkommenen Gesetzen. Ein Leser, der von einem Autor aus Karnak erwartet, dass die Tempel und Gräber in seinen Geschichten eine große Rolle spielen, wird enttäuscht. Der Karnak-Tempel wird erwähnt als ein Ort, der Baumaterial für die Villen der Reichen liefert oder von dem sich die Armen den Dünger für ihre Felder stehlen. „Armbänder und Halsreif“ ist immerhin der einzige Text, in dem dieser Tempel als Handlungsschauplatz auftaucht. Um seine Impotenz zu vertuschen, hat der Schmied seine junge Frau verstoßen. Ihre Mutter weiß, was das zu bedeuten hat: „Vom Schmied geschieden, würde kein Bräutigam mehr um Fahimas Hand anhalten. Wie ein Ladenhüter wird das Mädchen in Bachit Bascharis Haus bleiben, alleinstehend, unfruchtbar, eine Schwelle, auf die ein Fuß getreten war.“ Da kommt der Mutter der Tempel in den Sinn und seine magischen Kräfte, von denen die Leute erzählen. Während die Mutter mit dem Tempelwächter verhandelt, lässt Fahima ihre Blicke umherschweifen. Ihre Gedanken beschäftigen sich mit Dingen, die den Touristen fremd sein dürften: Die Widder-Sphingen sind Menschen, die einst in Stein verwandelt wurden, weil der Bruder die Schwester, der Sohn die Mutter geheiratet hat. Auf dem Grund des Heiligen Sees liegen „Ketten und Geschmeide, die den Hals Hunderter von Königen und Königinnen umschlungen hatten.“ Dieses Detail hat der Erzählung ihren Titel geliefert. Hasina ist gekommen, um ihre Tochter in eine Kammer einzuschließen, in der die Statue eines in Stein verwandelten Mannes steht, „der sich seiner Männlichkeit gebrüstet hat“ und vom Volk als Gottheit der Fruchtbarkeit verehrt wird. „Im Licht, das durch eine einzige Luke an der Decke hereinfiel, wurden ganz langsam die Umrisse eines riesigen schwarzen Mannes sichtbar - nackt, mit entblösster Scham, mit Augen rot wie zwei glühende Höllensteine.“ Fahima verliert des Bewusstsein, während das Tor sich öffnet und ein Mann (der Tempelwächter?) nach ihr greift. Das magische Ritual gelingt: Fahima wird schwanger und gebiert eine Tochter. Der Karnak-Tempel fungiert hier nicht als Zeugnis einer alten Hochkultur, sondern als Ort göttlicher Strafen und dunkler Magie.

Teil der Widder-Sphingenallee vor dem Karnak-Tempel, Lusxor Eastbank, (c) Claudia Ali
Teil der Widder-Sphingenallee vor dem Karnak-Tempel

Auch die zweite Erwähnung der Altertümer hat mit Tourismus wenig zu tun. Hasina und ihre Tochter treffen auf dem Friedhof auf die „Frauen der Männer, die beim Unfall an der Ausgrabungsstelle auf dem Westufer starben.“ Ein französischer Altertumsinspektor hat sich über die Faulheit der ägyptischen Arbeiter geärgert und sie mit dem Stock bedroht: „Da schrie die Erde auf, wie ihr Herr es befahl, und das Unterste wurde zuoberst gekehrt. Das geschah am frühen Nachmittag; und die Leichen der Männer wurden noch vor Sonnenuntergang geborgen.“ Der Fluch wirkt weiter: Der französische Ingenieur ertrinkt bei einem Autounfall im Nil, und die Kinder seines Vorarbeiters sterben im ersten Monat nach ihrer Geburt. All dies weckt in Fahima die Erinnerung an das, was zwischen ihr und dem steinernen Mann im Tempel geschah. Dieses Trauma verfolgt sie und wühlt sie so auf, dass sie an tödlichem Fieber stirbt.

Von den Ereignissen der Weltgeschichte erfahren die Leute im Dorf aus den seltenen Briefen, die Mustafa schreiben läßt (er selbst ist Analphabet) und die ihnen der Scheich des Dorfes vorliest. Was sie zur Kenntnis nehmen, bleibt im Bereich des Legendären: „Der Sudan ist das Land der Heiligen, der Frommen und der guten Menschen. Es ist das Land des Zaubers, der Amulette und des verheißenen Mahdi (14). Manche Leute im Land essen Menschenfleisch, aber sie leben weit weg von den Männern.“ Die ersten Radioapparate, die sich die Dorfbewohner anschaffen, und die wenigen Zeitungen, die man liest, verkünden, dass der Zweite Weltkrieg an Ägypten nicht spurlos vorübergeht. Im Norden kämpfen die Italiener und Hitlers Afrika-Korps unter General Rommel gegen die Engländer: „Dieser Krieg geht uns rein gar nichts an, und trotzdem ziehen die Behörden alle zum Militär und zu erniedrigenden Arbeiten in den Militärlagern der verdammten Bleichhäutigen ein. (…) Waren verschwanden, andere blieben unverkauft liegen; die Preise stiegen für alles. (…) Einige wenige wurden steinreich, doch die Armut der Massen nahm zu (…) Zur Hölle mit den Engländern, Hitler, den Lebensmittelhändlern, dem König und den Leichentuchhändlern.“

Die Engländer ziehen sich 1948 aus Palästina zurück, der jüdische Staat wird ausgerufen, die arabischen Truppen werden zerschlagen und die Palästinenser vertrieben. Die historische Realität vermischt sich mit banalen Ereignissen, die sich im Dorf abspielen: „Die arabischen Armeen wurden durch Verrat und unbrauchbare Waffen zerschlagen (…), die Kinder wachsen heran, sogar in den Flüchtlingslagern, und die Nachkommen des schwarzen Kaninchenmännchens und des weißen Kaninchenweibchens, die Hasina an jenem fernen Tag auf dem Markt in der Stadt gekauft hatte, waren zahlreich geworden im Hause des seligen Bachit Baschari. Bei Faluga (15) wurden die schwarzen Hyänen vom Feind umzingelt. Und die vater- und mutterlose Nabawija wuchs aus den Kinderschuhen heraus. (…) Und da fiel ihr der Onkel, der Teure, der Ferne, in Palästina in der Levante ein.“

Auch dieser Onkel verlässt Palästina und arbeitet in den englischen Militärlagern in der Kanalzone. Er beteiligt sich an den Aufständen, die der Revolution von 1952 vorausgehen, und an Attentaten gegen die englischen Besatzer, indem er die Wachleute betäubt und auf Beutezug ins Lager eindringt: „Kein Mal verging, ohne dass Mustafa einen hochrangigen englischen Offizier getötet hätte (…) Mustafas Vorratslager befand sich unter der Erde. Nur er und seine Männer wussten darum. Sogar die Djinnen fanden nicht den Weg dorthin. In den Lagerräumen Mustafas häuften sich Schätze, die mit Gold oder Silber nicht aufzuwiegen waren.“ So verwandelt die Fantasie der Dorfbewohner die fernen politischen Ereignisse ins Märchenhafte und Legendäre.

Der Onkel, der nach so vielen Jahren zurückkehrt, ist nicht der Held, den seine Familie erträumt. Seine Haare sind weiß geworden, er ist wortkarg und verschlossen, und statt die angeblich von den Engländern erbeuteten Schätze hervorzuholen, baut er sich eine Kneipe am Ufer des Nils, um den im Tourismus arbeitenden Männern ihr Geld abzuknöpfen. „Ich werde nie wieder unter dem Befehl eines Menschen arbeiten (…) Ich habe in der Fremde so sehr unter den Befehlen anderer Menschen leiden müssen (…) Von heute an werde ich frei sein. Du weißt gar nicht, wie abscheulich die Herrschaft des Menschen über den Menschen ist.“ Diese marxistisch gefärbte Überzeugung hindert ihn jedoch nicht daran, seine Nichte brutal zu bestrafen, als sie gegen die Gesetze der überkommenen Moral verstößt. Wie fast alle Figuren Jachja Taher Abdallahs, die von Erfolg und Reichtum träumen, scheitert Mustafa und sinkt ins Bodenlose zurück: „Mustafa spürte, dass er ins Leere heulte und dass ihn eine Dunkelheit umhüllte, die sich unendlich weit erstreckte.“ Die Männer des Dorfes lassen ihn fallen: „Sie waren Kinder ihrer Zeit, und das war ihre Chance, seinen hochmütigen Schädel zu zertrümmern. Ihr Urteil hatten sie längst gesprochen (…) Da wünschte er sich, vollständig gelähmt zu sein, stumm, blind und taub - und es ward.“ Die Erzählung endet mit einem düsteren Bild: „Da sitzt du nun, Hasina, nach all dieser Zeit, mit deinem Sohn, der ans Haus gefesselt ist. Der Mann gestorben und die Tochter, die Enkelin dahingegangen und um dich herum die Mitleidigen und die hämische Schmiedin. Kein Licht und kein Feuer im Ofen. Wozu auch Licht oder Feuer im Ofen?“ Gewinnerin ist die Schmiedin, Verkörperung einer von Habgier geprägten neuen Welt, die nichts respektiert als Reichtum und Macht. („العالم الذي لا يحترم الا السيد الغني“ = „Die Welt achtet nichts als Macht und Reichtum") Aber auch die Schmiedin gehört zu den Verlierern, denn ihr Sohn Saadi endet als wahnsinniger Mörder.

 

Geschichten aus Oberägypten

Auch andere Erzählungen spielen an einem Ort, den man als das alte Karnak identifizieren kann. Jenseits des Nils erblickt man den جبل الغرب, das Gebirge der Westbank, mit seinen Gräbern und Tempeln. Scheich Moussa, dem man wunderbare Fähigkeiten zuspricht, oder der einäugige Jussef, der von der Abdallah-Moschee zum Gebet ruft, sind Figuren, an die man sich noch heute im Dorf erinnert. Jachja Taher Abdallah erzählt von den Unglücklichen und Armen, aber gelegentlich auch von der Welt der „Großen“ und „Noblen“, die seit altersher im Dorf respektiert werden. Schönstes Beispiel dafür ist „Großvater Hassan“ (16), der, von seinen drei Frauen, sechs Söhnen, seinen Töchtern, Schwiegertöchtern und einer großen Schar von Enkeln umsorgt, an den Nachmittagen im Ramadan auf der Bank vor seinem stattlichen Haus thront. Die Vorbeikommenden steigen vom Pferd, um ihn zu grüßen. Er gibt ihnen das „salâm“ („Gruß“ und „Frieden“) zurück und fügt hinzu: „Ramadân karîm“ (كريم heißt zugleich „großzügig“ und „edel“). Über der Szene liegt ein Schimmer von Ewigkeit: „Die Gesichter der Menschen verändern sich, ihr Aussehen wechselt, aber ihre Antwort ist immer dieselbe: „Karîm, ya ibn al-karâm“ (= „Ja, großzügig und edel, du Sohn großzügiger und edler Menschen“).

Scheich Moussas Schrein in Karnak, (c) Hans Mauritz
Scheich Moussas Schrein (maqâm = Heiligengrab)

Neben der Bank sind Matten ausgebreitet für „Gottes Gäste auf der Erde“, die Bedürftigen, die um Almosen bitten und denen Großvater Hassan Brot und Datteln reicht. Was er besitzt, betrachtet er als eine Gabe Gottes, von seinen Vorfahren angehäuft und an ihn vererbt, damit er es an die Bedürftigen verteilt, und diese Verpflichtung gibt er an seine Söhne und Enkel weiter. Großvater Hassan schließt die Augen: Er spürt die grenzenlose Weite des Kosmos, die unendliche Ausdehnung der Wüste. „Alles besaß jetzt die Jungfräulichkeit der ersten Schöpfung. Das Auge des Gläubigen erblickt einen schwarzen Punkt, der winzig klein schien, der aber größer wird, je näher er dem Auge des Visionärs kommt. Großvater Hassans Herz erstarrt einen Augenblick, sein für das Nichts bestimmter Körper erzittert. Er sagte zu sich selbst: Der Mensch ist fast gar nichts vor dem Königreich Gottes. Wer war dieser Mann, der die ganze Erde durchstreifte?“ Ist es al-Khidr, der Lehrer der Propheten und Bote Gottes? Oder ist der betrügerische und gierige „Marokkaner“, eine Figur aus dem Volksglauben, die es auf die im Haus versteckten Schätze abgesehen hat? Beide kommen als Bettler verkleidet, und nur das Auge des wahren Gläubigen kann Allahs Boten erkennen. Wer diesen Bettler zurückweist, verliert die Gnade Gottes. Die Figur dieses Großvaters, für den Reichtum ein von Gott geliehenes Gut ist, steht in krassem Gegensatz zu jenen Menschen, die dem „Marokkaner“ nacheifern: den Habgierigen und Machtbesessenen der „neuen Zeit“, in welcher al-infitâh الانفتاح , Anwar Sadats „Politik der offenen Tür“, jene begünstigt, die weder von moralischen Skrupeln noch von wahrer Religiosität geleitet werden. Von diesen neuen Menschen erzählen besonders die Geschichten, die in Kairo spielen.

Die Dorfgeschichten berichten meist von der Welt der Armen, wo Menschen und Tiere auf engstem Raum zusammenleben. Diese Personen sind keine Helden, sondern Opfer der Traditionen und der ihnen zugewiesenen sozialen Rollen. In „Der Berg des grünen Tees“ (16) wird ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, überrascht, während sie auf dem Rücken der Büffelkuh liegt, den Nacken des Tieres umklammert, ihre Schenkel gegen dessen Flanken reibt und ihre Zehen in den Bauch des Tieres rammt. Zur Strafe wird sie vom Vater nackt ausgepeitscht, während die Mutter schreit, man müsse das Mädchen verheiraten. Erotik und Sexualität, von den traditionellen Vorschriften tabuisiert, können zu „abwegigen“ Verhaltensweisen führen. Fahimas Beziehung zu ihrem Bruder Mustafa ist von einer Erotik geprägt, die eine masochistische Seite hat. Was eine frustrierte junge Witwe im Geheimen treibt, wird so unverblümt erzählt, dass der englische Übersetzer darauf verzichtet, den ganzen Passus zu übersetzen. Unerträglich brutal ist die Erzählung „Tanz, für alle frei gegeben“ (16), in welcher zwei Knaben bei pubertärem Spiel überrascht werden. Weil ein boshafter Alter die Sache zu einer Angelegenheit der Familienehre macht, wird der Junge, der die Rolle des „passiven“ Partners gespielt hat, im Brunnen ertränkt, der „Aktive“ aus dem Dorf verbannt, heimatlos für immer wie die verachteten Zigeuner. In Geschichten, in denen es jungen Menschen gelingt, von ganz unten aufzusteigen, ist bei Mädchen ihre Schönheit im Spiel, bei manchen Knaben auch ein reicher „Gönner“.

Alte Mühlräder auf der Westbank von Luxor, (c) Claudia Ali

Wie „Armbänder und Halsreif“ sind viele Dorfgeschichten geprägt durch den Glauben an Magie und böse Geister und durch Gewalt und Wahnsinn. Großvater Hassan ermahnt seine Enkel, zu beten und zu fasten: „Der Schöpfer des weiten Universums mit Djinnen und Menschen und allem, was deine Augen sehen, Bergen und Bäumen, kann dich bestrafen, wenn du lügst.“ Nicht zufällig nennt er die Djinnen noch vor den Menschen, denn Djinnen sind mächtig und überall präsent. Ein Oberägypter, der an der Mauer einer Moschee eingeschlafen ist, hat das Kind einer Djinnin erdrückt, denn Djinnen sind unsichtbar, es sei denn, sie wollen von Menschen gesehen werden. Ein junger Mann, der im Kanal fischt, strampelt mit Armen und Beinen, um den Ruf der Djinninnen auf dem Grund des Wassers nicht zu hören. Ein anderer spürt dabei, wie etwas seinen Körper berührt: „Wie konntest du vergessen, dass im Wasser Djinnen und die Seelen von Ermordeten und Ertrunkenen herumspuken?“ Djinnen halten sich gerne auf Friedhöfen auf. Drei Djinnentöchter „schnappen sich Katzen und streunende Hunde und greifen nach der großen Mühle, die sich unaufhörlich dreht und Fleisch und Knochen zermalmt, während sechs Augenpaare wie glühende Kohlen glimmen.“ Der Mühle und dem mit ihr verbundenen Spuk hat Jachja Taher eine eigene Erzählung gewidmet: „Die Mühle des Scheich Mussa“ (16). Weil ein geschäftstüchtiger Händler eine alte Mühle in Gang setzen will, muss er den Dorfscheich aufbieten, damit das Verbrechen, das die Menschen befürchten, nicht geschieht. Der Scheich selbst wird dabei von einer furchtbaren Erinnerung gequält: „Die Leiche eines zerrissenen Kindes, dessen Blut in die Zahnräder der verfluchten Maschine sickert, schwebt vor seinen Augen … das Schreien, das ihn in seiner Kindheit erschreckte.“

Jeder Verstoß gegen die traditionelle Moral wird grausam bestraft. Als al-Jamasi seine Frau mit dem Aufseher des Landgutes überrascht, tötet er beide, wickelt die Leichen je in die Kleider des anderen und wirft sie in den Fluss, damit sie von Fischen und Wasserwürmern gefressen werden. Stattdessen werden sie von einem Krokodil verschlungen. Der Mörder selbst wird psychisch nicht fertig mit seiner Tat. Er lässt sich Haare, Bart und Nägel wachsen, bis er ganz bedeckt ist und keine Kleider mehr braucht, dort in der Einöde, in welcher er fortan lebt (17). Ähnliche Figuren, شارد „schâred“ genannt (was „Vagabund, flüchtig, umherirrend, verstört, geistig umnachtet“ meint), tauchen auf, wenn auf Gewalt und Verbrechen mit Wahnsinn reagiert wird. Wer von der Gemeinschaft verstoßen ist und in die Einöde flüchtet, kann sogar zum Vampir und Menschenfresser werden und als ein solcher غول „ghoul“ in die Sage eingehen (18).

Der Tod ist allgegenwärtig. In „Armbänder und Halsreif“ sterben der Vater Bachit, die Tochter Fahima und die Enkelin Nabawija. Die Erzählung von „Großvater Hassan“ endet mit dem Tod des alten Mannes. Ein erfolgreicher Geschäftsmann zieht so die Bilanz seines Lebens: „König des frischen und des gesalzenen Fisches – aber ich bin alt. Schöpfer eines blühenden Handels in den Souks – aber ich bin allein. (…) so wie das Geld in den Truhen liegt, werde ich ruhen – kalt wie Silber. Du, Zeit, bist die einzige, die ich nicht besiegt habe. Es ist, als seiest du der König.“ (19) Zwei andere Emporkömmlinge, von den „echten“ Reichen und Noblen gemieden und verpönt, verlieren jede Lebensfreude: „Eines Tages, als er seine Runden machte, sah der Todesengel zwei verdorrte Zweige vom Baum des Lebens herabhängen. Er brach sie ab und schleuderte sie dem ruhelosen Herbstwind hin.“ (20) Der Friedhof ist ein magischer Ort. Die Frauen, die an den Gräbern klagen, sind besessen von der Angst vor den „schwarzen Geistern“, die dort ihr Unwesen treiben. Der Titel der Geschichte „Der Erbe“ (21) ist sarkastisch gemeint, denn sein Onkel hat dem Jungen alles abgenommen. Er ist nichts als Erbe einer dunklen Vergangenheit aus Ängsten, Albträumen und Verbrechen.

 

Kairo und die „neue Zeit“

Wer das Elend nicht erträgt, verläßt das Dorf und sucht sein Glück in Kairo. Aber der Oberägypter kann dort vom ersten besten Polizisten zusammengeschlagen werden und muss allein auf die Solidarität seiner Landsleute zählen. „Die Erde ist überall ausmarkiert“, belehren sie ihn, “wir gehen hier nie allein herum, und wenn wir uns bewegen, wissen wir, wo unsere Grenzen sind, und wir überschreiten diese Grenzen nie.“ In den Häusern, die er als Handlanger baut, wohnen andere, und sein Traum, wenigstens zum Türhüter eines solchen Wohnblocks aufzusteigen, wird zunichte, weil er vom Gerüst hinunterstürzt (22). Wenn im Dorf Armut, Tradition, Familie und Moral die Entfaltung des Individuums einschränken, so garantiert auch die Flucht aus diesem Elend keineswegs Glück, Reichtum und sozialen Aufstieg. Dass Mustafas Leben im Exil ihn am Ende zum Mörder und Krüppel macht, haben wir in „Armbänder und Halsreif“ gesehen. Jachja Taher selbst hat nach dem Bruch mit seiner Familie in Kairo wie im Exil gelebt. „Ich bin ein Sohn des Dorfes und werde es bleiben“. Al-Karnak in Luxor, das alte Theben, „ist ein vergessenes, verstoßenes Dorf, so wie ich ein Vergessener und Exilierter bin (…) Seitdem ich mein Dorf verlassen habe, jage ich ihm wieder nach und suche nach meiner Familie, meinen Verwandten und meinen Landsleuten. Ich lebe nur in ihrer niederen Welt. Wenn ich sie treffe, treffen wir uns als Sa’îdis und als Söhne von Karnak und teilen miteinander den Schmerz des Ägypters, unsere arabische Tragödie und die Tragödie entwurzelter Individuen, die der neuen Zeit entfremdet sind.“ (23)

(c) Claudia Ali

Einer der wenigen, dem das Exil Glück bringt, ist Rizq „Der Zigeuner“ (24). Ein Findelkind, von einer Zigeunerin aufgezogen, lernt betteln, Hühner stehlen und Gesäßtaschen aufschlitzen. „Nun plagte den Zigeuner kein Hunger und kein Durst, er fühlte sich wohl und frei, er aß gestohlenes Fleisch, (…) trank verbotenes Bier aus der Flasche oder dem Fass, rauchte Haschisch (…). Mit Zigeunermädchen, die ihm gefielen, verkehrte er, und er nahm ihnen das Geld weg, das sie zwischen den Brüsten vor den andern Zigeunern versteckten.“ Als er heiratet, hat er dies alles nicht mehr nötig, denn seine Frau bettelt, stiehlt und prostituiert sich für ihn. Später heiratet er noch vier andere Zigeunerinnen: „Damit überschritt der Verfluchte das Maß und verstieß gegen das Gesetz Gottes. Aber wieso sollte man ihn tadeln? Er war nun einmal ein Zigeuner.“ Aus Jachjas Formulierung spricht fast so etwas wie die Sympathie des Außenseiters für seinesgleichen. Aber Rizq will höher hinaus: Wie viele Ägypter der späten 60er und 70er Jahre versucht er sein Glück in den reichen arabischen Nachbarländern. Dort bestiehlt er die Pilger an den heiligen Städten und kommt als reicher Mann zurück. Er nennt sich von nun an Hagg, baut eine Moschee, um die Steuern zu umgehen, und trennt sich von zweien seiner Frauen: „Dann bist du rein vor Gott, dem Gesetz und den Menschen“. Er wird Besitzer eines großen Mietshauses, führt ein geordnetes Leben und stellt seinen Reichtum zur Schau. Aus dem Zigeuner ist einer jener Neureichen der Sadat-Jahre geworden. In einer anderen Erzählung lernen wir sogar ein Exemplar einer Spezies kennen, die man die „Neufrommen“ nennen kann: An der Bushaltestelle steht ein Mann mit einem dunkelblauen Gebetsmal auf der Stirn, starrt mit erzürntem Gesicht auf die Brust eines westlich gekleideten jungen Mädchens und spuckt provokativ auf den Boden: Vorbote einer Zeit, die Frömmigkeit demonstrativ zur Schau stellen und sie zum Freibrief dafür machen wird, anderen die eigene Moral aufzuzwingen (25).

Erstaunlich ist die Karriere seiner wohl originellsten Figur: Der Dorfköter Mahthûth in der „Geschichtete aus dem Maul eines Hundes“ (25) gelangt, dank seiner Klugheit und getrieben von seinem Ehrgeiz, nach Kairo. Wie alle Neuankömmlinge ist er zugleich schockiert und fasziniert: gefärbte Vögel in Käfigen, Menschen, Schuhe, Kleider, eingesperrt in Glasvitrinen, eine Frau, die sich ins Wasser stürzt – und niemand macht Anstalten, sie zu retten. In den Arbeiterquartieren „Haufen von Menschen in Haufen von Müll“ und Kinder, die den Hunden die Speisereste streitig machen. Unser Held hat wirklich Glück (محظوظ heißt „vom Glück begünstigt“): Er bekommt ein Engagement im Zirkus, bringt sich die tollsten Kunststücke bei, erhält einen fürstlichen Vertrag, nennt sich jetzt Mizu, fährt eine Limousine, wohnt in einer Villa und verkehrt in den besten Kreisen „Mizu ist ein Star am Firmament der Kunst, so ist es nur natürlich, dass er Zugang zur besten Gesellschaft hat.“ Aber die Berühmtheit hat ihre Schattenseiten: Mizu ist gestresst, seine Zeit ist aufgeteilt in Zirkus, Film, TV-Auftritten, Partys, Interviews, Verhandlungen mit Produzenten, Coiffure, Massage und Maniküre. Als die anderen Köter aus dem Dorf zu seiner Hochzeit kommen und Schrecken verbreiten unter den feinen Hunden, holt die Vergangenheit ihn ein. Wenn er sich im Spiegel sieht, zweifelt er an seiner Identität. Er weiß nicht mehr: Ist er Mizu, der Star, oder Mahthûth, der Bastard aus dem Dorf?

So wie ihm geht es vielen, die von ganz unten zu Reichtum, Macht und Prestige gekommen sind: Früher oder später werden sie unbarmherzig ins Elend zurückgestoßen: „Wie wahr, dass der Mensch nicht Herr über sein Schicksal ist.“ In der Geschichte von „Abd al-Halîm Effendi“ (26) schwimmt ein armer Junge von der Eastbank ins Zeltlager der Engländer hinüber, wird vom englischen Lagerkoch aufgenommen, von Läusen und Flöhen befreit, englisch gekleidet und in der Sprache der Fremden unterrichtet: ein wahrhafter Effendi. Das Unheil ereilt ihn Jahre später, als eine „törichte“ Frau ihn bittet, ihr den Brief ihres Sohnes vorzulesen. Sein „Gönner“ hat ihn mit allem ausgestattet, aber etwas Wichtiges versäumt: „Ich kann weder lesen noch schreiben, gute Frau - sagte er zu ihr - nur die Kleider machen mich zum Effendi, und jetzt siehst du, wie ich sie vor deinen Augen in Fetzen reiße.“ Safiyya, das schöne „Mädchen vom Land“, heiratet einen Fremden, der durch Spekulation mit Getreide und Baumwolle reich geworden ist. Sie wohnt in einer Villa, wird bedient von einem weißen und einem schwarzen Diener und lässt sich in Vollmondnächten in einer Kutsche spazieren fahren. „Aber wenn sie die Schatten erhaschte, die vor Hütten aus Kanistern und Schilfrohr, aus Lehm und Stroh hocken oder schlafen, zitterte ihr Herz. Safiyya, dies sind deine Leute, trotz des Reichtums und Komforts, der dich umgibt. Du bist ihrem dunklen Schicksal entronnen, aber eiserne Ketten binden dich für immer an die Armen aus deinem Stamm“ (27).

Welch ein Kontrast zwischen dem Elend des Dorfes und Kairos moderner Glitzerwelt! Selbst mitten im Krieg gegen Israel bleibt der Zauber der Hauptstadt ungebrochen: Leuchtreklame, die aufblinkt und verlischt, Schlangen vor den Kinos und Gaffer vor den Schaufenstern, in denen die Produkte der neuen Zeit ausgestellt sind, die fremdländischen Namen der Bars und Boutiquen: Micky, Rivoli, Star, Happy Home, Silver Shoes. Für ein Bakschisch darf auch ein Jugendlicher verbotene Filme anschauen und Alkohol konsumieren. Im dunklen Kino, am Ufer des Nils und im Park dürfen Liebende sich eng aneinanderschwiegen. Wie viele arrogante Kairenser blickt der „Liebende Ilya“ auf die armen Tölpel im „Sa’îd“ herab, „dort wo der Einheimische mit seinem Gewehr, seiner Frau und seinen Kindern, mit Lamm, Kuh, Hund und Esel in einem Raum zusammenschläft, wo in den engen Gassen Füchse und Schakale an den Fußgängern vorbeistreifen und es dir, dem Fremden, unmöglich ist, zwischen Menschen, wilden Tieren und Dingen zu unterscheiden.“ (28)

Kairo, gesehen vom Minarett der Ibn Tulun Moschee, (c) Berthold Werner
Kairo

Was Ilya fasziniert, ist schöner Schein, der Habgier, Ungerechtigkeit und Oppression verdeckt. Viele Erzählungen zeigen eine zweigeteilte Welt: Auf der einen Seite Ausgestoßene, Heimatlose und Bastarde, auf der anderen die Herren einer neuen Zeit, deren Reichtum nicht mehr durch solide Arbeit von Generationen erworben ist, sondern durch zwielichtige Geschäfte und Spekulation. Dank einer intelligenten Frau aus dem Milieu hat Satar Land gekauft und Hochhäuser mit Tiefgaragen gebaut. Weil ihm dies nicht reicht, besorgt er sich die Bewilligung, Koranschulen aufzumachen. In Wirklichkeit sind es Privatschulen, und die Lehrer sind dieselben wie in den Staatsschulen: „Der Lehrer ist habgierig und will zwei Gehälter“. Weil Satar die Prüfer besticht, bestehen bei ihm auch die Dummen und Faulen, und seine Schulen genießen den besten Ruf. „Der Profit ist es, der Habgier erzeugt, und Habgier macht das Land kaputt“. (29)

Wer sich den neuen Zeitgeist nicht zu eigen macht, verarmt und geht zugrunde. „Eine melodramatische Geschichte“ erzählt, wie eine adlige Familie ihr stattliches Haus verkauft und der koptische Bügler, der es erworben hat, in Konkurs geht. Der neue Besitzer hat im Libanon sein Geld verdient, es in ausländischen Banken angelegt und eröffnet nun mit großem Pomp seine trendige „Miami Boutique“. Über dem Eingang prunkt das Porträt des Besitzers und darunter eine in großen Lettern gedruckte Laudatio, die Patriotismus in Kommerz ummünzt: „Familienoberhaupt und Kriegsheld von Juli, Mai und Oktober – und allen anderen Monaten des Jahres auch“. Die Zeitungen veröffentlichen sein Foto und verkünden im Jargon der neuen Zeit: „Muhammad Kumbul & Brothers bringt den Bewohnern von Altkairo gute Nachricht. Er hat sein Beirut-Geschäft hierher verlegt und nun, mit der Morgenröte einer modernen Zeit der Öffnung und des Wettbewerbs in Ägypten, geht er seine ersten Schritte auf dem neuen Weg der Wissenschaft und des Glaubens.“ Die Geschichte endet sarkastisch. Die Koptenfamilie hat sich vor dem Konkurs ein letztes „Abendmahl“ geleistet: Sie aßen und tranken, „bis die Ambulanz sie auflud, halbtot ihre aufgeschwollenen Bäuche umklammernd, und sie ins staatliche Krankenhaus brachte, wo sie starben.“ (30)

Immer wieder geißelt Jachja die Geschäftspraktiken der neuen Zeit. Dass selbst ein Junge aus Jachjas Dorf die Regeln verstanden hat, zeigt die Erzählung „Wer hängt die Glocke auf“ (31). Sabir hat in der Koranschule studiert, die der Abdallah-Moschee angegliedert ist. Da sein Vater nur Wächter auf den Feldern eines Reichen ist, kann er nicht nach Kairo reisen, um als Internatsschüler in al-Azhar einzutreten. „Sei ein Sohn deiner Zeit, lass dich nicht ins Gefängnis des Dorfes einsperren.“ Der schlaue Junge macht zunächst das in der Koranschule Gelernte zu Geld, indem er bei Hochzeiten und Begräbnissen rezitiert. Danach verkauft er sich als Wunderheiler, der Djinnen austreiben und das Gift von Skorpionen aussaugen kann. Sein Verständnis der neuen Zeit macht ihn schließlich zum König des Fischmarktes, der mit Schleuderpreisen Konkurrenten in den Ruin treibt und dann im richtigen Moment die Ware hortet, damit die Preise in die Höhe schnellen. Das Besondere an diesem Aufstieg ist, dass Sabir weder Fisch noch Kapital besaß und „nichts als Luft“ verkauft hat, wie seine Mutter sagt. Aber mit dem Vorschuss, den er durch Versprechungen ergaunert, und mit dem Wissen um die Gesetze des Marktes kann selbst aus Luft Reichtum werden.

Wenn wir Jachja Glauben schenken dürfen, sind die Grenzen zwischen Kommerz und Kriminalität fließend. Als der Neureiche aus der Erzählung „Worte, dem Meer gesagt“ um die Hand einer schönen Witwe anhält, muss er zuerst einen Gangster aus dem Wege schaffen. Kein Problem, denn „mit meinem Reichtum bin ich auch ein Gangster, und ein Pfund tötet genau so wie ein Messer“ (32). Woher aber hat er seinen Reichtum, obwohl er nie gearbeitet hat? Sein Vater hat im Gefängnis mit Drogen gehandelt, später auf dem Schwarzmarkt mit billigen Ersatzprodukten Geld gemacht, „und während er auf der Suche nach Gütern zwischen Dörfern und Städten umherreiste, wurde er eingeholt von der glücklichen Open Door Politik, spekulierte mit dem Kapital, das er angehäuft hatte, und machte Profite“ (لحق به عهد الانتفاح السعيد – فضارب الرجل بما جمع من مال وربح). Seinem Sohn bleiben diese Mühen erspart, weil er sein Geld in ausländischen Banken anlegt. „Banken sind die Erfindung eines Menschen mit dem Verstand eines Teufels.“ Neben die Banken tritt ein zweiter Ort: „Die Führer der Menschen treffen sich in der Börse und spielen mit Fäden und Holzpuppen jenes Spiel, das man ein Mann und sein Schicksal nennt.“

Ungerechtigkeit beherrscht die Welt: „eine ungerechte Welt, die Hurentochter, teilt unbarmherzig ihre Schläge aus“ (33). „Eine launische Welt kehrt dir jahrelang den Rücken zu, dann lächelt sie dich an und läßt die Glocken läuten“, bevor sie den Glückspilz ins Elend zurückstößt. Dauernden Erfolg haben nur die Skrupellosen, die ihr Metier im großen Stil betreiben und allerhöchste Protektion genießen. „Wer einmal stiehlt und der Polizei in die Hände fällt, ist ein Dieb. Wer tausendmal stiehlt und nie der Polizei in die Hände fällt, ist ein Ehrenmann“. „Die größten Diebe sind jene, die ein Land regieren, in dem es Diebe gibt. Den Leuten ihr Leben zu stehlen, das ist der größte Diebstahl“ (وسرفة حياة الناس هي أكبر السرقات). Wer gegen soziale Ungerechtigkeit aufbegehrt und zum Dieb und Gangster wird, kann Effendi, Bey, Pascha, Minister oder Präsident werden. Wer ganz unten verharrt, weiß, dass keine Politik an seinem Schicksal etwas ändern wird. Ihm bleibt ein einziger Trost: Wenn man ganz unten angelangt ist, genießt man eine unerwartete Freiheit, denn weiter kann es nicht bergab gehen (34).

Neben „Malerei aus Wasser, Staub und Sonne“ denunziert „Eine Geschichte mit einer Moral“ am stärksten die Ungerechtigkeit der Welt. Ein obdachloser „Glatzkopf“ teilt sich in Kairos Totenstadt eine Grube mit einem räudigen Hund, während ein Drogenboss das Grab eines Paschas zu einem Palast mit höchstem Komfort umgebaut hat. „Menschen sind in Ränge eingeteilt, Tiere auch, Gräber und die, welche in Gräbern leben. Setzen sich die Rangordnungen nach dem Tode fort?“ „Hat derjenige, der die Welt ausmisst, zwei verschiedene Maßstäbe, mit denen er seine Gaben zuteilt? Und warum?“ Die Frage, die sich der Glatzkopf stellt, ist so verwegen, dass er sie - aus Angst, der Gotteslästerung bezichtigt zu werden - in einer fernen Ecke seines Bewusstseins versteckt. Es gelingt ihm, das Vertrauen des Paschas zu gewinnen, weil er eine ganz besondere Probe bestanden hat: Der Boss verfügt über ein Video-Überwachungssystem, das den Nachbarn von Grab zu Grab auch bei intimsten Verrichtungen filmt. Er wird nun zum Wächter einer Grube, die von außen Staub ist und Totengebein, im Innern aber Rauschgiftlager. Er wird eingeweiht in die Geheimnisse des Drogenhandels und die Identität der Bosse aus den höchsten Sphären. So wird er am Ende selbst zum Pascha und bekommt „die Krone der Regierung“ aufgesetzt (35).

Leben in Kairos Totenstadt, (c) Hans Mauritz
Leben in Kairos Totenstadt

Video-Überwachung in Kairos Totenstadt: Jachjas schwarzer Humor ist weniger fantastisch, als man denken könnte. Um seine Macht zu sichern, hatte Abdel Nasser ein perfektes Überwachungssystem (al-mukhâbarât المخابرات) errichtet. Die Türhüter von Kairos Mietshäusern waren verpflichtet, der Staatssicherheit zu melden, was immer die Hausbewohner dachten, sagten und taten. Jede unbedachte Meinungsäußerung konnte zu willkürlicher Festnahme, zu Folter und Tod führen (36). Aus Angst wurden Menschen zu Feiglingen. Als „Herr Ahmad Sayyid“ ein Buch über „Napoleon in Ägypten“ liest, das erstaunliche Parallelen zum modernen Unrechtsstaat aufzeigt, hört er Schritte und glaubt, dass ein Unbekannter bei ihm eingetreten ist. Ahmad Sayyid ist so erschrocken, dass er, seine Unschuld beteuernd, seinen Kopf unter der Bettdecke versteckt (37).

Im Prozess gegen einen jungen Mann, der nichts getan hat, als mit der schönen Nachbarin zu flirten, stellt sich heraus, dass der Ankläger jedes Detail seiner Biografie kennt: Über das Leben der Bürger sind umfangreiche Geheimakten angelegt (38). Wer in eine Demonstration regierungskritischer Studenten gerät und wem dabei ins Gesicht geschossen wird, hat keine Chance, sein Augenlicht zu retten: Das staatliche Krankenhaus ist verpflichtet, dem Militär jeden Verwundeten zu melden (39). Bei einem anderen jungen Mann genügt es, dass er sich all zu sehr in ein Plakat mit einem leicht bekleideten Filmstar vertieft, um die Aufmerksamkeit eines Geheimpolizisten zu erregen. „Sie schmissen den Weinenden in eine dunkle, feuchte, enge, von Läusen, Ameisen, Wanzen, Flöhen und Fledermäusen infizierte Zelle, die er mit Halunken, Dieben, Homosexuellen, Alkoholikern, Machos und Drogenabhängigen teilte“ (40).

Gangster dagegen profitieren davon, dass selbst die Spitzel nicht vor Korruption gefeit sind und sich mit einem Teil der Beute schmieren lassen. Wer nicht zum Spielball in den Händen von Offizieren, Richtern und Spitzeln werden will, hat keine andere Wahl. Kaufen und Bestechen lässt sich auch das Gefängnispersonal. Um seinen Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen, lässt ihn ein reicher „Herr“ festnehmen und im Kerker in ein willenloses Wrack verwandeln, „denn die Welt besteht aus Herren und Sklaven, und dem Herrn muss man gehorchen“ (41).

Jachja Taher Abdallah wurde ein Jahr nach seinem Tod der ägyptische Staatspreis für Literatur verliehen, und viele bekannte Schriftsteller würdigten sein Werk. Aber den Herrschenden dürften seine bitterbösen Stadtgeschichten nicht immer gefallen haben. Wie aggressiv man reagieren konnte, zeigt der bekannte Schriftsteller Abdel Hakîm Qâsim (42), welcher der Regierung nahe stand und einen Sitz im Abgeordnetenhaus anstrebte: Noch sechs Jahre nach seinem Tod griff er Jachja in der Presse scharf an und nannte sein Werk „Unliteratur“. Zwei Jahre später sagt er in einem Gespräch mit Sami Sattar Al-Sheikly: „Abdallah hat den Verstand eines Esels. Er erzählt Lügen in seinen Dorfgeschichten und ist ein Heuchler, wenn er behauptet, links und regierungsfeindlich zu sein; seine Literatur trägt nichts zu politischen Lösungen für Ägypten bei.“ (43)

Wer Jachja Taher Abdallahs Erzählungen heute, mehr als 30 nach seinem Tode, liest, ist verblüfft, wie aktuell sie wirken. Die Jahrzehnte der Mubarak-Herrschaft haben an den von ihm angeprangerten Missständen wenig geändert. Die Revolution vom Januar 2011 hätte der zornige junge Rebell wohl genau so enthusiastisch begrüßt wie die meisten Künstler und Literaten, die sie erleben durften. Wie aber hätte er auf die Veränderungen reagiert, die sich in seiner Heimat vollzogen haben? Die Zwänge, die von Familie und Tradition ausgehen und das Individuum in seiner Freiheit behindern, sind weniger sichtbar, aber nicht außer Kraft gesetzt. Der Tourismus hat dem Dorf Karnak eine „Prachtsstraße“ beschert, die seit dem Ausbleiben der Touristen fast irreal und gespenstisch wirkt. Der Westbank, dem Totenreich der Pharaonen, hat der Tourismus zwar Wohlstand gebracht, aber auch eine verschandelte Landschaft und moralischen Niedergang.

Bausünden auf farmland, (c) Claudia Ali

 

Anmerkungen:

(1) Zu biografischen Details vgl. vor allem Sami Sattar Al-Sheikly: Das ägyptische Dorf Karnak im Werk von Yahya at-Tahir Abdallah, Europäische Hochschulschriften, Bern: Verlag Peter Lang, 2000. Zu weiteren Informationen vgl. das Vorwort bzw. Nachwort zu den Übersetzungen von Hartmut Fähndrich, Denis Johnson-Davies und Samâh Selîm (s.u.) sowie die biografischen Angaben, die der arabischen Gesamtausgabe seiner Werke angefügt sind (s.u.)
(2) Nachwort zu Jachja Taher Abdallah, in: Menschen am Nil - Zwei ägyptische Novellen, aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich und Irmgard Schrand, Basel: Lenos, 1989, S. 182
(3) Gespräch mit dem Journalisten Samîr Gharîb, abgedruckt in der arabischen Gesamtausgabe seiner Werke, Kairo 4/1994: الطاهر عبد الله , "الكتابات الكاملة" دار المستقبل العربي يحيى. Unsere arabischen Zitate stammen aus diesem Band.
(4) Deutsche Übersetzung in: Menschen am Nil, s. (2)
(5) Gespräch mit Samîr Gharîb, s. (3)
(6) Denys Johnson-Davies: Memories in Translation, AUC Press 2006, pp.103-106
(7) Gespräch mit Samîr Gharîb, s. (3)
(8) Hans Mauritz führte Gespräche mit Jachjas Familie in Karnak und mit dem Schriftsteller Abdou Gobeir.
(9) Denys Johnson-Davies, s. (6)
(10) Zitiert bei Sami Sattar, S. 98 und 105, s. (1)
(11) Zwei längere Erzählungen, Halsreif und Armbänder und Malerei aus Wasser, Staub und Sonne, haben H. Fähnrich und I. Schrand ins Deutsche übersetzt (erschienen in: Menschen am Nil). Übersetzungen anderer Erzählungen sind in Anthologien erschienen. Auf Englisch liegen vor: The Mountain of Green Tea and other stories, selected and translated from the Arabic by Denys Johnson-Davies, Cairo: AUC Press, 1991 (im Folgenden zitiert als MOUNTAIN), und The Collar and the Bracelet - an Egyptian Novel, and Short Stories, translated by Samâh Selîm, Cairo: AUC Press, 2008 (im Folgenden zitiert als COLLAR)
(12) Der Gouverneur von Luxor, General Târeq Sa’ad al-Dîn, zeigte sich sehr angetan von unserem Vorschlag, in seiner Heimat mehr für das Andenken an diesen Schriftsteller zu tun.
(13) Vgl. dazu das Filmporträt von Claudia Ali hier auf dieser Website
(14) Die Figur des al-Mahdi, die im Volksglauben der Sunniten eine Rolle spielt, erscheint kurz vor dem Jüngsten Gericht, um den Islam zu reinigen (vgl. Yves Thoraval: Dictionnaire de civilisation musulmane, Larousse 1995).
(15) Das palästinensische Dorf Faluga leistete unter der Führung von General Muhammad Naguib heroischen Widerstand: Der einzige helle Fleck im Fiasco des Palästina-Krieges (vgl. Jason Thompson: A History of Egypt. From Earliest Times to the Present, Cairo: AUC Press, 2008, p. 289
(16) Englische Übersetzung dieser Geschichten in: MOUNTAIN, pp. 41ff, p. 1ff und pp. 10ff. Eine deutsche Übersetzung der Erzählung Die Mühle des Scheichs Musa ist erschienen in: Farahats Republik - Zeitgenössische ägyptische Erzählungen, Berlin: Verlag Der Olivenbaum, 1980, S. .92-97
(17) Der Erbe, englische Übersetzung in: MOUNTAIN, pp. 6ff
(18) The Ghoul, in: COLLAR, p. 131f
(19) Who’ll Hang the Bell, in: MOUNTAIN, pp. 57ff
(20) The Story of the Village Maiden, in: COLLAR, pp. 88ff
(21) Der Erbe, englische Übersetzung in: MOUNTAIN, pp. 6ff
(22) Die Geschichte des Oberägypters, der, von Müdigkeit überwältigt, unter der Mauer der alten Moschee eingeschlafen ist, in: MOUNTAIN, pp. 50ff
(23) Gespräch mit Samîr Gharîb, s. (3)
(24) The Gipsy, in: MOUNTAIN pp. 83ff. Eine deutsche Übersetzung ist erschienen in der Anthologie: Arabische Erzählungen der Gegenwart, München: C.H. Beck, 1991, S. 64-71
(25) Mr. Ahmad Sayyid, in: COLLAR, pp. 120ff
(25) A Tale Told by a Dog, in: MOUNTAIN, pp. 65ff
(26) The Story of Abd al-Halim Effendi and What the Silly Woman Did to Him, in: COLLAR, pp. 79ff
(27) The Story of the Village Maiden, in: COLLAR, pp. 88ff
(28) Das Lied des Liebenden Ilya, deutsche Übersetzung in: Erkundungen - 32 ägyptische Erzähler,Berlin: Verlag Volk und Welt, 1989
(29) Malerei aus Wasser, Staub und Sonne, in: Menschen am Nil, S. 113-176
(30) A Melodramatic Story, in: COLLAR, pp. 101ff
(31) Who’ll Hang the Bell, in: MOUNTAIN, pp. 57ff
(32) Words to the Winds, in: MOUNTAIN, pp. 93ff. Im Original wird diese Geschichte dem Meer erzählt.
(33) دنيا ظلمة بنت كلب والت الضرب بغير رحمة (An Embroidered Tale, in: COLLAR, pp. 93ff)
(34) Malerei aus Wasser, Staub und Sonne, in: Menschen am Nil
(35) A Tale with a Moral“, in: MOUNTAIN, pp. 105ff
(36) Vgl. Jason Thompson, s. (14), pp. 307f
(37) Mr. Ahmad Sayyid, in: COLLAR, pp. 120ff
(38) An Embroidered Tale, in: COLLAR, pp. 93ff
(39) Malerei aus Wasser, Staub und Sonne, in: Menschen am Nil
(40) A Melodramatic Story, in: COLLAR, pp. 101ff
(41) Words to the Winds, in: MOUNTAIN, pp. 93ff
(42) Abdel Hakîm Qâsim (auch: Abdalhakim Kassem), 1934-1990. Auf Deutsch liegen vor Die sieben Tage des Menschen - Roman aus Ägypten und Vom Diesseits und vom Jenseits - Zwei Novellen aus Ägypten, beide übersetzt von Hartmut Fähndrich, Basel: Lenos Verlag, 2004
(43) Sami Sattar Al-Sheikly, s. (1) S. 44

Farahats Republik - Zeitgenössische ägyptische Erzählungen Yahya Taher Abdullah: The Collar and The Bracelet Yahya Taher Abdullah: The Mountain of Grean Tea and Other Stories Denys Johnson-Davies: Memories in Translation

 

 

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