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Autorenforum: Die Geister sind überall

von Elisabeth Hartung (Fassung von 2007 überarbeitet 2013)

illustriert von Claudia Ali

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Im Leben des Ägypters herrscht ständig die Atmosphäre gegenwärtiger Geistwesen, ständig besteht die Möglichkeit der Begegnung des Menschen mit höheren Mächten. Alles Geschehen ist von Geistern durchwaltet, die in die menschliche Existenz eingreifen.
Siegfried Morenz, in: Gott und Mensch im alten Ägypten

Diese Aussage bezieht sich auf die Pharaonische Zeit, aber sie ist ebenso für die Lebenswirklichkeit der ägyptischen Gegenwart gültig. Die Existenz der Geister ist Glaubensinhalt und an vielen Stellen im Koran beschrieben. Anders als unsere Zwerge, Elfen, Feen gehören sie nicht ins Land der Märchen und Legenden, sondern die Dschinn sind Allahs Geschöpfe. Der Koran erwähnt drei verschiedene Geistwesen: Dschinn, Dämonen (Shaitan), Engel.

Dschinn - Illustration von Edmund Dulac, 1907Die Dschinn (arabisch: جن‎) sind machtvolle Wesen, die eine Welt für sich bilden, aber genau wie wir Menschen auf der Erde leben. Es gibt Herrscher unter ihnen, Sultane mit Kriegern, Dienern, Kindern und Frauen. Es gibt gute und böse Dschinn, den Menschen wohl- oder übelwollende, Gläubige und Ungläubige, Muslime, Christen, Juden. Sie sind sterblich, wenn sie auch sehr alt werden können (Jahrhunderte oder mehr), und ihre Welt scheint sich in ihrer Ordnung und Struktur nicht grundsätzlich von der unseren zu unterscheiden. Da aber Dschinn und Menschen auf der gleichen Erde leben und sich so ihre beiden Welten gewissermaßen durchdringen, kann es ständig zu Berührungen kommen. Zwar sind die Dschinn für uns unsichtbar, aber sie können sich materialisieren und in jeglicher Form sichtbar machen: als Stein, als Tier, als Mensch, und sie können sich in Menschen verlieben, sogar eine Ehe mit ihnen eingehen - oder dafür sorgen, dass beispielsweise die umworbene Menschenfrau keinen Menschenmann heiraten kann. Und da man nie weiß, ob Dschinn - sichtbar oder unsichtbar - anwesend sind und ob sie mir wohl- oder übelgesinnt sind, ist Vorsicht und Höflichkeit geboten.

Besonders gefürchtet sind die Afarit, eine ziemlich bösartige Klasse unter den Dschinn (im Volk wird ein freches, schwer zu bändigendes Kind auch Ifrit genannt!). Sorglos ausgespuckte Dattelkerne oder einfach vor dem Haus ausgeschüttetes, heißes Wasser kann die spielenden Dschinnkinder töten und zieht unweigerlich die Rache eines Dschinni auf sich. Die Gebetsformel bismillah ("Im Namen Gottes") schützt sowohl den Menschen als auch den Dschinn und wendet Schaden von beiden ab. Dieses Gebet wird bei vielen Gelegenheiten, eigentlich am Anfang aller Handlungen gesprochen: vor dem Essen, beim Beginn einer Arbeit, als Höflichkeits- und als Schutzformel.

Dschinn bevölkern gerne Räume, die eine Weile oder auch nur ein paar Stunden unbewohnt waren. Ich habe selten jemanden einen leeren Raum oder gar ein neu gebautes Haus betreten sehen, ohne dass ein Gebet gemurmelt wurde. Ein Koranvers bannt jegliche negative Kraft, vertreibt jeden übelwollenden Dschinn und schützt vor Schaden.

DattelpalmeMeist geschieht dies alles ganz unauffällig, und es braucht gezielte Aufmerksamkeit und etwas Glück, um den allgegenwärtigen Umgang mit der Existenz der Geister mitzubekommen: Ein seit vielen Jahren an der Uni Zürich unterrichtender Sprachlehrer aus Kairo betritt eines Tages vor mir den Hörsaal, und ich höre ihn die Begrüßungsformel assalamu aleikum sagen. Ich bin sehr erstaunt, ihn anschließend alleine vorzufinden, noch ist kein Student anwesend. Er habe die im Raum anwesenden Geister gegrüßt, antwortet er mit leichter Verlegenheit auf meine Frage. Ob ich nicht nachts grosse Angst habe wegen der Palme, die exponiert vor meinem Haus steht? Unverständnis meinerseits. Sprachschwierigkeiten? Schließlich die Schlussfolgerung des jungen Mädchens, das mich befragt: "Wenn du dich nicht fürchtest, dann musst du ein starkes Herz haben!" Erst jetzt begreife ich die Frage: Die Palme ist voller Dschinn. (Das Herz gilt, wie im Alten Aegypten, als Sitz der Geisteskräfte und des Willens.)

Es ist auch nicht gut, längere Zeit allein zu sein oder gar allein in einem Raum zu schlafen, denn das zieht die Dschinn an. Und kein Einwohner der Westbank geht freiwillig auf einen Wüstenspaziergang – was Touristen so lieben – denn die Wüste ist ein bevorzugter Aufenthaltsort der Geister. In dieser Gegend finden sich unzählige pharaonische Relikte, weil die Pharaonen und ihre Magier eine besonders enge Beziehung zu den Dschinn pflegten und sie zu den Hütern ihrer Schätze machten. Unter den Dorfbewohnern gilt die Gegend um das westliche Luxor als geradezu mit magischer Kraft aufgeladen.

Nekropole der Westbank von Luxor
Nekropole der Westbank von Luxor

Im allgemeinen verstummen die Leute schnell, wenn man sie auf das Thema Geister anspricht. Der orthodoxe Islam empfiehlt, die beiden Welten getrennt zu halten. Niemand soll sich mit den Dschinn einlassen oder sogar versuchen, ihre Kräfte zu benutzen. Denn die Dschinn sind um vieles machtvoller als wir Menschen, und deshalb ist es dem Normal-Sterblichen nicht möglich, Kontrolle über sie zu erlangen – was bedeutet, dass wir ihnen ausgeliefert wären und zum Beispiel in die Situation des Zauberlehrlings geraten würden. Ein arabisches Sprichwort sagt: „Nicht jeder Geist kehrt in die Flasche zurück.“

Eine Ausnahme bilden grosse Gestalten der Vergangenheit wie Salomon, der als König auch über die Dschinn herrschte, mit ihrer Hilfe den Tempel baute und Unfolgsame zur Strafe in die Flasche bannte. Und auch in der Gegenwart gibt es Scheichs, denen die Macht zugeschrieben wird, einen übelwollenden Dschinn bannen zu können oder auch ihre hilfreichen Kräfte zum Wohl Anderer in Anspruch zu nehmen.

Im Volksislam, in dem die aktive Präsenz der Geister ständig bewusst ist, besteht sehr rasch die Befürchtung, jemand sei von einem Dschinn besessen, oder der Verdacht, dass jemand mit den Dschinn zum eigenen Nutzen im Bunde sei, also schwarze Magie betreibe. Und damit ist bereits die Vorstellung vom Teufel im Spiel. Shaitan hat eigentlich nichts mit der Welt der Dschinn zu tun, er ist ja ein abgefallener Engel. Aber im Volksglauben des Dorfes vermischt sich die allgemein grosse Angstbereitschaft, besonders der Frauen, mit der Furcht vor dem Teufel, der Angst vor der Macht der Dschinn, vor der schwarzen Magie und dem bösen Blick. Der böse Blick, der durch den Neid eines Menschen ausgelöst wird, ist ein in vielen südlichen Ländern bekanntes und gefürchtetes Phänomen. (Die arabische Sprache unterscheidet durch zwei verschiedene Wörter den gefährlichen Neid, die Missgunst, vom bewundernd-sehnsüchtigen „Neidischsein“, das nicht schadet.)

Fatiha, die 1. Koransure, (c) unbekanntGefahr lauert überall, und entsprechend gibt es auch zahlreiche Abwehrriten, die den Alltag von der Geburt bis zum Tod begleiten. Die sogenannten Schutzsuren (im Koran Sure 113 und Sure 114), die gerne als Amulett getragen werden, bitten um Schutz vor der Nacht und dem Morgengrauen, vor den Zauberinnen und den Neidern, vor den Dschinn, den Menschen und dem Teufel. Die Welt ist voll von Irrationalem, nicht Kontrollierbarem – alles hat „Bedeutung“, im Bösen und auch im Guten. So kann der aufgeklärte, rational funktionierende westliche Mensch nur staunen, wenn Alltägliches dankend als Zeichen von Gottes schützender Gegenwart begrüßt wird: eine erfrischende Brise am Abend, ein gutes Essen, ein unerwarteter lieber Besuch oder das zu großzügig bemessene Bakschisch eines ahnungslosen Touristen, das nicht etwa mit Schadenfreude, sondern mit einem hamdulillah ("Allah sei Dank") kommentiert wird.

Während der orthodoxe Islam ganz vom geschriebenen und verkündeten Wort ausgeht und dementsprechend sein Ort die Moschee ist, in die hauptsächlich die Männer zum Gebet gehen, drückt sich die Religiosität des volkstümlichen Islam in vielen kleinen oder auch größeren rituellen Handlungen aus, deren tragende Gestalten die Frauen sind. (Die Männer halten sich hier betont zurück und lassen sich kaum auf ein diesbezügliches Gespräch ein mit der kategorischen Bemerkung, dies und jenes sei Frauensache.)

Der Ort der Frauen ist der Friedhof und dort besonders die Gräber der „Heiligen“, die der offizielle Islam nicht kennt. Hier finden sie Baraka, Segensmacht, die eine Gegenkraft zu allen Übeln ist. Durch den Besuch eines solches Scheich-Grabes werden Gelübde erfüllt, wird Schwangerschaft oder Heilung von Krankheit erbeten. Manchmal sieht man Dutzende von Frauen, begleitet von zahlreichen Kindern, Mädchen und Buben etwa bis zum Alter von zehn Jahren, aus dem Dorf hinaus zum Grabmal eines Scheich wandern – sie begleiten vielleicht eine Nachbarin, die mit einem solchen Besuch ein Versprechen einlöst. Denn niemand geht je alleine irgendwohin, nicht auf ein Amt, nicht zum Arzt und schon gar nicht auf den Friedhof.

Scheich-Grab in Scheich Abd el-Qurna, Luxor Westbank
Scheich-Grab in Scheich Abd el-Qurna

Bei den Abwehrriten im Alltag ist oft nicht klar, ob sie sich gegen von Menschen (böser Blick) oder von Dschinn ausgehenden Schaden richten. Koranverse schützen vor jeglichem Übel. Lärm vertreibt Dämonen. Räuchern und Versprühen von Duftwasser haben die Qualität von Reinigung. Bestimmte Düfte wirken aber auch magnetisch auf die Dschinn und rufen sie herbei, denn sie sind ja aus Feuer erschaffen (wie wir Menschen aus Lehm und die Engel aus Licht) und werden als rauchförmig vorgestellt. Verstreutes Salz vertreibt sie ebenfalls. Wird mit einem Fremden hingegen Brot und Salz geteilt, schafft das Verbindung und Verbindlichkeit und macht den Touristen zum Gast mit den dazugehörigen Pflichten: Wehe er verabschiedet sich nicht vor der Abreise, gratuliert nicht zu den grossen Festen! Dann herrscht Verletztheit und Unverständnis, denn dass diese Geste nicht ausreichend verstanden worden ist, ist unvorstellbar, handelt es sich doch um den in der Tradition tief verwurzelten Wert der Gastfreundschaft.

Im Reich der Frauen gibt es rituelle Handlungen, zu denen Männer keinen Zugang haben, was diese oft mit der tadelnden Bemerkung kommentieren, besagtes Verhalten der Frauen sei pharaonisch und nicht islamisch. Das gilt z.B. für die beliebten Besuche der Frauen am Heiligen See im Habu-Tempel und dem Scheichgrab in seiner südlichen Ummauerung, die meist im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt gelobt werden. Hierher gehören auch das professionelle Klagen und Kleiderzerreissen 40 Tage nach dem Todesfall auf dem Friedhof oder der Brauch, bestimmte Gegenstände in die Windeln des Neugeborenen zu wickeln, z.B. ein Messer, damit der Knabe stark wird.

Heiliger See im Tempel von Medinet Habu, Luxor Westbank
Heiliger See im Tempel von Medinet Habu

Und es gilt vor allem für den Zar, den Trancetanz, der böse Geister austreibt und zu dem manche Frauen regelmäßig gehen wie zu einer Gruppentherapie-Sitzung. Offiziell gilt der Zar als verboten. Manchmal gibt es einen Kompromiss bezüglich einer traditionell rituellen Handlung, und dann heisst es, zwar sei sie pharaonisch, aber durch das Lesen von Koranversen geheiligt.

Viele Heilungsversuche durch Scheichs oder Scheichas - die Dorfbewohner gehen als erstes und letztes zu ihnen, dazwischen liegt der Besuch beim Schulmediziner - beinhalten alle Elemente, die aus den zahlreichen altägyptischen Zauberbüchern bekannt sind: das Vertreiben des von Menschen (böser Blick) oder Dschinn verursachten Übels mit Hilfe von Wort (Zauberspruch) + Amulett + Heilmittel. So wird aus dem Koran gelesen, der Ratsuchende erhält einen Gegenstand, den er immer bei sich tragen soll, und schließlich ein Rezept für eine Kräutermischung. Eine hochbetagte Scheicha, zu der Männer und Frauen auch von weither aus dem Delta kommen, knüpft während der Konsultation aus Fäden ein fingerringartiges Gebilde als Amulett. Knoten binden Kräfte - eine Vorstellung, die sich sowohl auf den Tempelwänden als auch im Koran findet. Sufis aus dem Rifa`i-Orden wissen Skorpion- und Schlangenbisse mit Hilfe von Koransuren zu heilen - aber längst nicht jeder von ihnen ist wirklich machtvoll genug, denn es gilt, den der Schlange innewohnenden Geist zu vertreiben. Ob sie die entsprechenden Zaubersprüche aus den Pyramidentexten des Alten Reiches kennen?

Bei vielem bleibt unklar, was echter Glaube und was Missbrauch oder Scharlatanerie ist. Jedenfalls kann sich der Mensch den jenseitigen Kräften nicht entziehen, er muss mit ihnen leben. Und der Umgang mit ihnen, als Abwehr oder als dosierte Anwendung, ist ein integrierter Teil des Volksglaubens und ständig im Alltag gegenwärtig. Wenn z.B. ein Etwas in Gestalt eines Tieres kurz auftaucht und wieder verschwindet, heisst es: "Das war ein Dschinn", und vielleicht auch: "Hier ist ein Schatz verborgen". Denn, so wird gesagt, die Pharaonen und ihre Zauberer haben überall in der Erde Schätze versteckt und einen Dschinn als Wächter davor gesetzt. Immer wieder einmal heisst es, es seien Männer aufgetaucht, meist aus dem Sudan oder aus Marokko, die solche Schätze mit Hilfe von bestimmtem, enorm teurem Räucherwerk aufzuspüren wissen. Sie versuchen, dieses Wissen an Einheimische zu verkaufen, die es wiederum verstehen, solche Schätze aus der Erde heraufzuholen, ebenfalls mit Hilfe der Dschinn - und selbstverständlich unsichtbar für die Antikenbehörde. Manche haben sich auch einen Dschinn in der Weise dienstbar gemacht, dass er sich als Antiquität materialisiert - und sich in Nichts auflöst, nachdem das Objekt, natürlich unter der Hand, teuer verkauft worden ist. Es gibt auch „antike“ Gegenstände, die selbst von Kennern nicht leicht als Fälschungen erkennbar sind, hergestellt von Künstler- Handwerker-Einsiedlern, die sich wochenlang in eine Höhle zurückziehen. Wenn sie wieder auftauchen, bringen sie Figuren von berückender Schönheit mit sich - was nicht selten zu großen Schwierigkeiten mit den Behörden führt.

Ushebtis im RMO Leiden, (c) Rob Koopman
Ushebti-Figuren (diese hier sind echt)

Solche Geschichten werden nur hinter vorgehaltener Hand erzählt, jedenfalls wenn ein Fremder anwesend ist, und mit der Bemerkung versehen, dass man es ja nicht genau wissen kann… Aber letztlich ist jeder von ihrer Echtheit überzeugt. Es gibt so viele Geschichten um die Geister, man weiss ja nie… Sicher ist: Sie sind anwesend, sie sind da.

 

 

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